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Warum wir experimentieren – Die Grundlagen des Prototypings

15 Feb, 2024
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Prototypen spielen in jeder Produktentwicklung eine bedeutende Rolle. Sie erweisen sich als effektives Werkzeug, um mit Unsicherheiten in komplexen Systemen umzugehen. Und die Anwendung ist einfacher, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Eine Übersicht über strukturiertes Experimentieren mit Prototypen für digitale Produkte in drei Teilen.

Das Gerät, auf dem du diese Zeilen liest, ist zweifellos ein Meisterwerk des Produkt-Designs und Engineerings. Es ist sehr wahrscheinlich, dass jede einzelne Komponente unzählige Iterationen durchlaufen hat, bevor sie in ihrer endgültigen Form produziert werden konnte. Dies gilt sowohl für komplexe Prozessorchips als auch für scheinbar triviale Komponenten wie eine Einschalttaste.

In anderen Worten: es wurden strukturierte Experimente mit Prototypen durchgeführt. In dieser Artikelserie werde ich diese Methode aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Der erste Teil dreht sich um allgemein gültige Grundlagen und die Einbettung im Produkt-Design-Prozesse. Wann welche Methoden und Prototyping-Werkzeuge am effektivsten eingesetzt werden können, steht im Zentrum von Teil zwei. Teil drei betrachtet schliesslich, wie wir Erfolg und Misserfolg messen können.

Der Begriff “Design”: Im deutschen Sprachgebrauch wird das englische Wort "Design" häufig für die äusserlichen Merkmale eines Produkts oder Services verwendet. In diesem Artikel beziehe ich mich auf die englischsprachige Definition des Wortes, welche auch Aspekte der Konstruktion und Planung einschliesst. Oder, wie es beispielsweise im Cambridge Dictionary definiert wird: "to invent and prepare a plan of (something) before it is built or made".

Warum wir prototypen

Im Alltag verwenden wir alle Prototypen, und zwar zu den unterschiedlichsten Zwecken. Wenn ich einen Kugelschreiber austeste, ist der erste Strich ein Prototyp für den darauf folgenden Text. Wenn meine Kollegin bei der Arbeit mich fragt, ob sie eine Idee pitchen darf, aus der sie später eine Präsentation entwickeln möchte, handelt es sich dabei um den Prototypen der späteren Präsentation. Oder wenn man das Abendessen für einen besonderen Anlass zuvor probekocht, handelt es sich im Grunde um einen Prototypen.

Das Handbuch zur Zertifizierung "DDP" (Digital Design Professional) definiert einen Prototypen als eine vorläufige Teilinstanz einer Design-Lösung ("A preliminary, partial instance of a design solution"). Das Buch "This is a prototype" erläutert, dass Prototypen unterschiedliche Formen annehmen können – physische Objekte, Konzepte oder Ideen. Und die Autoren des "Design Thinking Playbook" (S.109) schreiben, Prototyping heisse eine Idee so in Form zu bringen, dass sie von Usern getestet werden kann .

Mit Prototypen testen wir Ideen und Hypothesen. Prototypen eignen sich hervorragend dazu, Ideen in einer vereinfachten Form und ohne grossen Aufwand auszutesten. Sie helfen uns im Team, ein gemeinsames Verständnis für die Problemstellung und die Lösung zu entwickeln und ermöglichen es, einfach Feedback von Nutzerinnen und Nutzern sowie anderen Stakeholdern einzuholen und zu validieren.

Im Verlauf des Produkt-Design-Prozesses müssen wir immer wieder das zu lösende Problem, Rahmenbedingungen, Anforderungen unserer Umwelt, technische Möglichkeiten und Kosten gegeneinander abwägen. Je komplexer ein System ist, desto wichtiger wird es zu wissen, ob eine Idee funktioniert oder nicht. Prototypen sind ein hervorragendes Mittel, um diese Komplexität zu reduzieren.

Prototyping im Design-Prozess

Persönlich nutze ich Prototypen dann, wenn es darum geht, erste Konzepte durchzudenken und deren Funktionsweise zu verifizieren. Anschliessend sind die entstandenen Artefakte ein unschlagbares Mittel, um Konzepte zu kommunizieren und verständlich aufzubereiten – ganz nach dem Motto "Mach es fassbar". Dabei setze ich auf rasche Iterationen und frühes Feedback von Nutzern und Stakeholdern.

Ein grosser Teil meiner Arbeit erfolgt nach den Prinzipien und Methoden des Design Thinkings, einem weit verbreiteten Prozess-Framework im Produkt-Design. Im Design Thinking wird das Prototyping als ein zentraler Schritt im Kernprozess betrachtet. Prototyping beginnt erst, wenn klar ist, welche Fragen und Hypothesen mit dem zu erstellenden Artefakt getestet werden sollen. Eng verbunden mit dem Prototyping sind die Phasen der Ideation und des Testings. Es wird also stets überprüft, ob ein Prototyp dazu in der Lage ist, zur Problemlösung beizutragen. Falls nicht, wird er verworfen und der Prozess beginnt von vorne.


Mikro-Zyklus des Design Thinkings. Eigene Abbildung, nach “Das Design Thinking Playbook”.

Im gesamten Produktentwicklungsprozess wird dieser Kernprozess in unzähligen Iterationen immer wieder neu durchlaufen. Anders ausgedrückt: Prototyping hilft sowohl in den frühen Phasen der Produktentwicklung, die richtige Produktidee auszuwählen, wie auch bei der detaillierten Ausarbeitung von Spezifikationen. Die Erkenntnisse aus den einzelnen Prototypen beeinflussen dabei automatisch künftige Iterationen anderer Komponenten und Teilsysteme. Zudem ist die Iteration ein wichtiges Instrument, um sich verändernde Anforderungen und Rahmenbedingungen, die sich aus der Validierung der bisherigen Prototypen ergeben haben, zu berücksichtigen.


Sich wiederholende Mikro-Zyklen des Design Thinkings. Eigene Abbildung, nach “Das Design Thinking Playbook”.

Tiefe und Breite von Prototypen

Prototypen können ein ganzes System repräsentieren oder nur einzelne Funktionen oder Komponenten abdecken. Wie weit und wie tief ein Prototyp gehen soll, hängt massgeblich vom aktuellen Zeitpunkt innerhalb der Produktentwicklung ab.

In der Literatur wird der Detaillierungsgrad Detailgrad von Prototypen häufig mit Begriffen wie 'Fidelity' oder Auflösung beschrieben. Je weiter wir im Produkt-Design-Prozess voranschreiten, desto detaillierter werden unsere Prototypen. Am Anfang reichen häufig Stift und Papier oder abstraktere Gestaltungsmöglichkeiten, im späteren Verlauf werden daraus physische oder digitale Objekte, die einem fertigen Produkt sehr nahe kommen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Konzeption einer Software-Applikation, bei der anfangs Papierprototypen eingesetzt werden, um grundlegende Prozesse oder die Informationsarchitektur zu identifizieren. Im weiteren Verlauf werden klickbare Prototypen für User Experience, Design und Frontend-Umsetzung verwendet (mehr zu diesen Methoden und Tools in Teil 2).

Generell gilt es, den Fokus nicht zu verlieren. Im deutschsprachigen Kulturkreis neigen wir dazu, Arbeitsartefakte möglichst gut und 'rund' zu gestalten. Dies kann für das Prototyping jedoch ineffektiv sein. In vielen Fällen reicht weniger aus und sobald die ursprüngliche Hypothese geklärt ist, sollte die Prototyping-Iteration beendet werden. Ja, es gibt Situationen, in denen es sinnvoll sein kann, einen Prototypen detaillierter auszuarbeiten. Zum Beispiel, um Funktionen oder Verhaltensweisen besser kommunizieren oder prüfen zu können. Geht es aber zum Beispiel primär darum, das Bedienungskonzept auszuarbeiten, muss ein Prototyp nicht perfekt sein oder schön aussehen. Meist gilt 'weniger ist mehr'.

Kill your prototype

Beim Testen von Feedbacks und Hypothesen kann es zu Enttäuschungen führen, wenn ein Prototyp nicht das einhält, was man sich erhofft hatte. Insbesondere, wenn zuvor viele Stunden in den Feinschliff investiert wurden. Die Autoren des 'Design Thinking Playbook' beschreiben es treffend: 'Don't fall in love with your Prototype'. Man sollte jederzeit bereit sein, einen Prototypen zu verwerfen und von vorne zu beginnen.

Dies führt uns zur Frage: Was passiert mit dem Prototypen, nachdem er getestet und geprüft wurde? Gemäss IREB hängt dies von der Art des Prototypen ab. Explorative Prototypen, die zur Validierung von Anforderungen und zum Verständnis genutzt werden, sollen weiterverwendet werden. Experimentelle Prototypen, die für technische Machbarkeitsstudien verwendet werden, soll man nach Gebrauch verwerfen. Evolutionäre Prototypen werden schrittweise erweitert und schliesslich im produktiven Betrieb eingesetzt. In der Praxis verschwimmen diese Grenzen. Meiner Meinung nach sollten Prototypen in divergierenden Designphasen, also wenn eine Vielzahl von Ideen entsteht, eher verworfen werden als im weiteren, konvergierenden Verlauf. Der alte Design-Grundsatz 'Kill your darling' gilt aber jederzeit. Nur so kann man sicherstellen, dass man nicht zu stark auf bestehenden Pfaden verharrt.


Kill your Prototype, ChatGPT / Dalle

Kleiner Anfang

Wie viele oder welche Prototypen für die Umsetzung eines erfolgreichen Produktes benötigt werden, lässt sich nicht pauschal sagen. Es hängt immer vom spezifischen Anwendungsfall, Kontext und verfügbaren Ressourcen ab. Beginnen sollte man auf jeden Fall immer mit der zentralen Kern-Funktion des künftigen Produkts. Hier lehne ich mich ganz bewusst an die agile Arbeitsweise an, bei der sozusagen eine Zwiebel von innen nach aussen aufgebaut wird. Die Priorisierung einzelner Prototypen leitet sich automatisch daraus ab.

So oder so gilt: Von Anfang an sollten für jeden Prototypen mindestens folgende Fragestellungen geklärt werden:

  • Ziele: Welche Hypothesen sollen mit dem Prototypen beantwortet werden?

  • Scope: Welches Element oder Teilsystem werden wir mit einem Prototypen abdecken?

  • Abhängigkeiten: Wie grenzt sich das untersuchte Element oder Teil-System von parallelen oder künftigen Prototypen ab?

  • Ressourcen: Wie viel Zeit und Geld soll oder kann investiert werden?

  • Weiterverwendung: Werden wir den Prototypen nach Validierung der Hypothese weiter nutzen?

Diese Fragestellungen sollten allen beteiligten Stakeholdern von Anfang an klar kommuniziert werden. Kontext und Sinn eines jeden Prototypen sind also genauso wichtig, wie das eigentliche Experiment.

Experimentieren als Mindset in der digitalen Welt

Prototyping ist mehr als nur eine Methode – es ist eine Mindset. Experimentieren ist der einfachste Weg, der Stagnation zu entkommen. Der Schlüssel liegt im kreativen Austausch: Gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen diskutieren und entwickeln wir Prototypen und Experimente weiter, aus denen wir lernen und neue Ideen entstehen.

Wir streben danach, uns stets weiterzubewegen und den Status quo neu zu denken. Unser Ziel ist es nicht, blindlings zu wachsen, sondern uns und unser Umfeld kontinuierlich zu verbessern und daraus zu lernen und Mehrwert zu schaffen. Das Wichtigste daran ist: einfach ausprobieren. Und solange du nicht zufrieden bist mit dem Resultat: Weiter experimentieren und neue Ideen ausprobieren. Nur so lässt sich die beste Lösung finden.

Ausblick: Den Werkzeugkasten befüllen.

Egal ob es um Software- oder physische Produkte geht, der grundlegende Prozess bleibt immer gleich. Sobald wir beginnen, den Prototyping-Werkzeugkasten zu beleuchten, wird sich dies ändern. Im Zentrum steht die Frage, nach der Wahl der richtigen Methode. Und hier wird sich schnell zeigen, ein Prototyp eines reinen Softwareprodukts entsteht komplett anders als derjenige eines Smartphones. Mehr dazu in Teil 2.

David Krauer
David knows what it takes to realize digital products. His fields of expertise include product development, product management, and service design. With an agile mindset and unexpected solution approaches he helps to make the world more and more digital. He connects the business and the technology worlds and never loses his focus on users. User-centered design and design thinking are among the most important principles of his way of thinking and working. In his career, he has worked as product manager, product owner, business analyst, and project manager.
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